ERINNERUNGSKULTUR

erinnerungskultur

„Liebe junge deutsche Freunde, ich schreibe diesen Brief, damit ihr nie die Leiden des Krieges erfahrt. Möge nur unsere Jugend verdorben worden sein. Schließt Freundschaft mit allen – liebt euch; das sage ich auch immer meinen Kindern. Möge auf der Erde immer Frieden herrschen.“

Diese Sätze bilden den Abschluss eines Briefes von Tatjana Rjabtschun aus dem Dorf Pogreby in Russland, den sie Ende der 1980er Jahre an eine Schülergruppe aus Ahlen geschrieben hat. 1942 im Alter von siebzehn Jahren war sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Katharina als Zwangarbeiterin wie Hunderttausende anderer Bürger Osteuropas auch nach Deutschland verschleppt worden. Tatjana hatte das Glück, nach Kriegsende wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können, ihre Schwester starb an Lungentuberkulose und ist auf dem Ostfriedhof in Ahlen bestattet neben 126 anderen sowjetischen Staatsbürgern.

Deren Schicksal haben Ahlener Schülerinnen und Schüler erforscht. Daraus sind persönliche Kontakte entstanden, so dass zwei ehemalige Opfer des NS-Terrors aus der Ukraine, die als junge Leute Sklavenarbeit auf der örtlichen Zeche bzw. in einem metallverarbeitenden Betrieb leisten mussten, im Jahre 2002 eine Woche lang als Gäste an der Fritz-Winter-Gesamtschule weilten. Aus dieser sehr bewegenden Begegnung erwuchs die Idee, eine breitere Öffentlichkeit auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Als unsere Schule eingeladen wurde, eine Sendung für den Bürgerfunk zu gestalten, haben einige Schülerinnen und Schüler ein einstündiges Programm zum Thema „Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkrieges in Ahlen“ produziert. Außerdem ist mit professioneller Hilfe ein beeindruckendes DVD-Dokument erstellt worden. Gedenkarbeit und der Erwerb von Medienkompetenz ergänzen sich bisweilen hervorragend. Der Ostfriedhof als Kristallisationspunkt des Leidens rückte zwangsläufig immer mehr in den Fokus der schulischen Bemühungen. Es entstand die Idee, dort alljährlich der Opfer der deutschen Aggression und des NS-Rassenwahns zu gedenken und damit einen aktiven Beitrag für Völkerverständigung und Frieden zu leisten. Erstmalig im Jahre 2005 führte unsere Schule am 8. Mai, dem Tag, an dem 1945 der Krieg in Europa endete, eine stark beachtete Veranstaltung durch. Diese Tradition hat bis heute Bestand; damit das Gedenken nicht zum Ritual erstarrt, wechselt in jedem Jahr der inhaltliche Schwerpunkt.

Die persönliche Betroffenheit und Verantwortung hat bei den in dieser Sache Engagierten an der Fritz-Winter-Gesamtschule zur Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge geführt, in dessen Obhut das Gräberfeld liegt. Es wurde eine neue – inhaltlich angemessene – Informationstafel gestaltet, und aus dem gemeinsamen Anliegen erwuchs eine dauerhafte Kooperation, die 2006 in einen Patenschaftsvertrag für die Pflege des Gräberfeldes zwischen der Gesamtschule, dem Volksbund und der Stadt Ahlen mündete.

Weitere wichtige Bündnispartner für das gemeinsame Anliegen, dem faschistischen Gedankengut in seiner alten und neuen Form entgegenzutreten, waren naturgemäß die christlichen Kirchen sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund, mit dem zusammen wir 2005 eine gut besuchte Veranstaltung durchführten. Hinzu kam ein gemeinsam mit der Volkshochschule organisierter Abend im Forum unserer Schule am 27. Januar 2005, dem Holocaust-Gedenktag, an dem eine Auschwitz-Überlebende über ihr Schicksal berichtete und zusammen mit einer Vertreterin der jüdischen Gemeinde aus Münster über Erscheinungsformen des Rassismus und Antisemitismus diskutierte.

Ein Jahr später wurde diese Auseinandersetzung auf wissenschaftlicher Ebene fortgesetzt: durch eine Veranstaltung über Hintergründe der modernen Xenophobie, zu der ein Historiker sowie Mitglieder einer Bielefelder Forschungsgruppe eingeladen waren.

Manchmal sind es Impulse von außen, ungeplante und unplanbare Ideen, die eine Kette von Entwicklungen in Gang setzen. So etwas geschah 2005, als auf einem Fortbildungsseminar das bizarre Schicksal der italienischen Militärinternierten erörtert wurde: der Soldaten, die nach dem Bündniswechsel Italiens 1943 von NS-„Waffenbrüdern“ zu verhassten Feinden wurden und die zu Tausenden in deutsche Lager verbracht wurden. Die große Zahl der Betroffenen machte deutlich, dass auch Ahlen von dieser Entwicklung des Krieges betroffen war. Deshalb lag die Frage nahe, ob sich nicht ein Forscherteam dieses verdrängten Aspektes der Kriegsgeschichte annehmen könne.

Tatsächlich fand sich eine zwölfköpfige Schülergruppe, die in mühseliger Kleinarbeit dem Leben und Leiden dieser Menschen nachspürte, sei es durch Interviews, Archivrecherchen oder statistische Auswertung von Daten. Die beteiligten Schülerinnen und Schüler machten sich auf diese Weise intensiv vertraut mit den Arbeitstechniken eines Historikers, entwickelten aber zusätzlich viel Empathie für die jungen italienischen Soldaten, denen die NS-Führung ihren völkerrechtlichen Status als Kriegsgefangene genommen und damit der fanatisierten Willkür vor Ort ausgeliefert hatte.

Die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart konnte 2006 geschlagen werden, als es gelang, Kontakt zu drei noch lebenden ehemaligen Kriegsgefangenen in Italien aufzunehmen. Plötzlich bekamen Namen Gesichter, aus dürren Daten kristallisierten sich individuelle Schicksale heraus. Gekrönt wurde diese schönste Form der Geschichtsarbeit durch die Möglichkeit, zwei dieser hoch betagten Herren in Italien zu interviewen. In diesen Interviews beeindruckten sie die beteiligten Schülerinnen und Schüler mit ihrer Herzlichkeit und ihrem Bemühen, die harten Jahre von 1943 bis zum Kriegsende in ein versöhnliches Licht zu stellen.

Bereits im Laufe des Jahres 2007 hatte sich zwischen den Geschichtsforschern und einem Kunstkurs unserer Schule sich eine intensive Kooperation entwickelt. Die Künstler fügten durch ihre eigenen – eben künstlerische – Inspirationen dem Thema eine weitere Dimension hinzu. Die jungen Leute entwickelten ein enormes Maß an intrinsischer Motivation, als gemeinsam beschlossen wurde, das Projekt in eine Ausstellung münden zu lassen. Für die Realisierung dieses Vorhabens konnte sogar ein Technikkurs gewonnen werden, der ein maßstabsgetreues Modell einer Baracke baute, um den Ausstellungsbesuchern eine handgreifliche Vorstellung vom Leben der Kriegsgefangenen zu vermitteln.

Der Holocaust-Gedenktag 2008 bot den angemessenen Rahmen für die Eröffnung der Ausstellung, die unter großer medialer Aufmerksamkeit stattfand. Leider war die Teilnahme der beiden ehemaligen italienischen Kontaktpersonen aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich, aber ihre bedauernden Absagen machten deutlich, dass dieses Projekt einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet hatte. Für die beteiligten Schülerinnen und Schüler bot das Engagement in diesem selbst gewählten und gesteuerten mehrjährigen Vorhaben sicherlich eine ideale Möglichkeit zu selbst bestimmtem Lernen. Das Ergebnis wurde schließlich mit einem Preis der renommierten Stiftung „Demokratisch Handeln“ honoriert.

Auch die Erinnerungs- und Gedenkarbeit auf dem Ostfriedhof hat ihren Fortgang genommen. Mittlerweile ist es gelungen, sie zu einem Projekt aller weiterführenden Schulen Ahlens zu machen. Dessen Ziel bestand darin, die 127 sowjetischen Kriegsgefangenen sowie Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen durch individuell gestaltete Holzstelen aus ihrer Anonymität zu befreien und ihnen damit ihre Würde wiederzugeben. Die Gestaltung der Stelen und damit verbunden eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit begann mit der Vorbereitung auf den Gedenktag des 8. Mai 2010, wurde über das Jahr in den einzelnen Schulen fortgeführt und fand schließlich mit ihrem feierlichen Einsetzen am 8. Mai 2011 ihren Höhepunkt . Damit hat die Arbeit an der Vergangenheit für ein friedliches Zusammenleben eine neue übergeordnete Qualität erreicht.

Die im Jahre 2006 übernommene Patenschaft für das Gräberfeld der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen auf dem Ostfriedhof ist im Jahre 2015 feierlich, im Beisein von Dr. Peter Paziorek als stellvertretender Landesvorsitzender des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge erneut besiegelt worden. Dabei nimmt inzwischen auch eine Bildungspartnerschaft mit dem Volksbund deutliche Konturen an.

Der „Garten der Erinnerung“, unmittelbar vor dem Haupteingang der Schule, ist ein Ergebnis der intensiven Auseinandersetzung mit den 127 Toten auf dem Ostfriedhof. In diesem Zusammenhang gestaltete Stelen haben einen würdigen Platz im „Garten der Erinnerung“ gefunden. Durch seine Gestaltung und die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler regt er gewiss zum Nachdenken an. Damit ist die Erinnerungskultur, für alle überaus deutlich sichtbar, zur Schule geholt worden.

Zudem befindet sich die Fritz-Winter-Gesamtschule auf dem Weg ihre Materialien, Projekte und Erkenntnisse zur Erinnerungskultur zu digitalisieren und für die Zugriffe anderer Schulen zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang sei auf das von allen weiterführenden Schulen in Ahlen getragene Projekt “Weg der Erinnerung” verwiesen.

Trotz des berechtigten Stolzes auf das Erreichte gibt es keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Die in einem beängstigenden Maße zunehmenden Hetztiraden der Neonazis gerade auch in Ahlen erfordern zusätzliche präventive Arbeit an unserer Schule, um sie als einen Ort des Lernens vieler Kulturen zu stärken. Deshalb hat sich die Schülervertretung (SV) im Schuljahr 2010/2011 erfolgreich darum bemüht , die Fritz-Winter-Gesamtschule in das internationale Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage einzubinden.

Mit der Aufnahme verpflichtet sich die jeweilige Schule, sich des Themas Rassismus anzunehmen und tatkräftig alle Verstöße gegen die Menschenrechte zu bekämpfen. Wir hoffen, mit dieser Initiative ein Zeichen setzen zu können für die Stärkung des demokratischen Bewusstseins nicht nur in unserer Schulgemeinde, sondern darüber hinaus in der Bürgerschaft unserer Heimatstadt.

Im Kanon der kulturellen Bildung erhält die Erinnerungskultur an der Fritz-Winter-Gesamtschule eine bemerkenswerte Bedeutung.