„Wir wollten keine platte Kopie des Westens“

Von Helmut Kohl als „Kanzler der Einheit“ dürfte Daniela Dahn nichts halten. Zu viele Fehler sind ihrer Meinung nach in Jahren 1989 und später gemacht worden. Fehler, deren Konsequenzen bis heute spürbar seien, wie die Journalistin und Buchautorin bei einer Lesung in der Fritz-Winter-Gesamtschule erklärte. Zum Beispiel als Folge „sozialer Explosionen“ und eines „Nationalismus der Deklassierten“ ein Erstarken des Rechtsradikalismus auch im Osten.

 „74 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich heute nicht wohler als zu DDR-Zeiten“, zitierte Dahn eine Umfrage der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Journalistin und Buchautorin hatte die Wendezeit aktiv als Mitbegründerin der Bürgerrechtsbewegung „Demokratischer Aufbruch“ mitgestaltet und unter anderem Stasi-Chef Erich Mielke im Gefängnis befragt. „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ heißt ihr neues Buch, das sie vor den Geschichts- und Sozialwissenschaftskursen der Oberstufe im Forum der Gesamtschule vorstellte. Eingeladen hatte die Volkshochschule Ahlen im Rahmen der „Politisch-kulturellen Wochen“ zu 30 Jahren Einheit.

Ziel der Bürgerrechtsbewegung sei damals nicht die schnelle Einheit, sondern Reform des Sozialismus gewesen. „Wir wollten keine platte Kopie des Westens“, hadert Dahn mit dem „Beitritt“ der fünf neuen Länder in die Bundesrepublik. Die Währungsunion sei zu schnell gekommen, die Treuhand sei ein „Untreuhänder“ gewesen. Am Beispiel des Verlags- und Kulturwesens machte Dahn den Schülerinnen und Schülern deutlich, wie Einrichtungen abgewickelt oder an die westdeutsche Konkurrenz übergeben worden seien. Ihr Urteil: „Die DDR war ein leistungsfähiger Industriestandort.“

Sorgen macht der Autorin auch der Rechtsruck in der heutigen Gesellschaft. Der „staatlich verordnete Antifaschismus“ der DDR sei auch nicht ideal gewesen, aber immer noch besser als die heutigen „Signale aus dem Inneren des Staates, die rechte Kräfte ermutigen.“

Bei der anschließenden Fragerunde hakten Schülerinnen und Schüler durchaus kritisch nach, beschäftigen sie sich doch derzeit im Unterricht oder in Facharbeiten mit der DDR-Geschichte. Zwar sieht Daniela Dahn in der Bewertung des Vereinigungsprozesses einen Paradigmenwechsel und das wachsende Eingeständnis von Fehlern, doch das eigentliche Problem sieht sie weiter ungelöst. „Es wird für junge Leute sehr schwierig die kapitalistische Wirtschaftsordnung umzugestalten.“